Quick Jump nach Duisburg: Anish Kapoor im Lehmbruck Museum-05//26

Manchmal braucht es gar keine große Reise. Manchmal reicht ein kurzer Sprung nach Duisburg.

Ich war im Lehmbruck Museum, um mir die Anish-Kapoor-Ausstellung anzuschauen — und wurde wieder daran erinnert, wie sehr sich dieses Museum lohnt. Nicht nur wegen Kapoor. Sondern weil das Lehmbruck Museum grundsätzlich ein außergewöhnlich gut geführter, hervorragend kuratierter Ort ist.

Das Haus ist Wilhelm Lehmbruck gewidmet, dem in Duisburg geborenen Bildhauer, dessen Werk zwischen klassischer Figuration, Expression und moderner Skulptur steht. Seine Figuren haben diese eigentümliche Mischung aus Fragilität, Streckung, innerer Spannung und existenzieller Schwere. Man spürt in ihnen nicht nur Form, sondern Zustand. Auch die Brüche der deutschen Moderne sind hier präsent: Lehmbrucks Werk war von der nationalsozialistischen Verfemung moderner Kunst betroffen; seine Skulptur Die Kniende wurde 1937 in der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

Auch architektonisch ist das Museum besonders. Der Bau wurde von Manfred Lehmbruck, dem Sohn Wilhelm Lehmbrucks, entworfen. Diese Verbindung von Vater und Sohn — Skulptur und Architektur — gibt dem Ort eine eigene innere Logik. Besonders der Lehmbruck-Bereich mit seinen hohen, ruhigen Betonräumen, dem konzentrierten Licht und dem innenliegenden Garten wirkt fast kontemplativ. Die Werke stehen dort nicht einfach. Sie bekommen Raum. Sie atmen.

Vielleicht spürt man in diesem Museum auch etwas von der besonderen Duisburger Konstellation: eine Stadt, die industriell geprägt ist, aber zugleich über ein erstaunlich ernsthaftes kulturelles Selbstverständnis verfügt. Dass dieses Haus in dieser Qualität existiert, hängt nicht nur an der Stadt Duisburg, sondern auch an einem breiteren Netz aus Stiftung, öffentlicher Förderung, Freundeskreis und regionalem Engagement. Gerade diese Verbindung aus Stadt, Region, Institutionen und Förderern scheint dem Museum eine Stabilität zu geben, aus der heraus es auf einem bemerkenswert hohen Niveau arbeiten kann.

Unter der Direktion von Dr. Söke Dinkla wird das Lehmbruck Museum mit einer Klarheit bespielt, die man im Rheinland unbedingt stärker wahrnehmen sollte. Es ist kein Museum, das laut auftreten muss. Seine Qualität liegt eher in der Präzision: in der Auswahl, in der räumlichen Setzung, in der Verbindung von Sammlung, Architektur und Gegenwart.

Auch die Dauerausstellung ist für sich allein eine Reise wert. Man begegnet dort nicht nur Wilhelm Lehmbruck in einem eigenen, sehr eindrücklichen Bereich, sondern einer hochkarätigen Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Otto Piene, darunter sein Lichtballett, von Günther Uecker, von Alicja Kwade und von Jean Tinguely, dessen kinetische Maschinen und eigenwillige Konstruktionen bis heute eine ganz eigene Energie haben. Auch Namen wie Constantin Brâncuși gehören zur Sammlung. Man merkt: Das ist kein kleines Museum mit nur regionaler Bedeutung. Das ist ein konzentrierter, qualitätvoller Blick auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts — mit einem besonderen Schwerpunkt auf Körper, Raum, Material und Wahrnehmung.

Und dann Anish Kapoor.

Die Ausstellung läuft vom 24. April bis 30. August 2026 und zeigt Kapoor als Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger. Schon diese Verbindung ist interessant: Lehmbruck, der Körper, die Fragilität, die existenzielle Form — und Kapoor, der Körper, Raum, Leere, Spiegelung und Wahrnehmung radikal in die Gegenwart überführt.

Kapoor ist kein Künstler, dessen Arbeiten man nur anschaut. Man wird von ihnen körperlich adressiert. Seine Werke sind Schwellen. Man steht davor und merkt: Das Sichtbare ist nicht stabil.

Besonders eindrücklich ist die große tiefrote Wachsskulptur Past, Present, Future von 2006. Dieses Rot ist nicht dekorativ. Es ist schwer, körperlich, fast fleischlich. Die Arbeit wirkt wie ein Organ, wie eine Masse, die nicht abgeschlossen ist, sondern in einem Zustand des Werdens bleibt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erscheinen hier nicht als lineare Abfolge, sondern als verdichtete, körperhafte Präsenz.

Daneben funktionieren auch die Spiegelskulpturen stark. Durch die gebrochenen, gewölbten und irritierenden Oberflächen wird der eigene Blick herausgefordert. Man geht daran vorbei, verschwindet zeitweise aus dem Spiegelbild, taucht verkehrt wieder auf, vergrößert, verschoben, instabil. Das ist eine klassische Kapoor-Erfahrung: Man betrachtet nicht nur ein Werk. Man merkt plötzlich, dass die eigene Wahrnehmung selbst zum Material wird.

Genau deshalb passt Kapoor so gut in dieses Museum. Das Lehmbruck Museum hat etwas Konzentriertes, fast Innerliches. Kapoor bringt mit seinen Spiegelungen, Pigmenten, monochromen Flächen und körperhaften Formen eine andere Energie hinein — radikaler, sinnlicher, unmittelbarer. Aber beide verbindet die Frage: Was ist Körper? Was ist Raum? Was bleibt sichtbar? Und was entzieht sich?

Für mich war es nur ein kurzer Quick Jump nach Duisburg. Aber einer, der sich sehr gelohnt hat.

Das Lehmbruck Museum ist eine absolute Reise wert — wegen seiner Sammlung, wegen seiner Architektur, wegen Wilhelm Lehmbruck selbst und wegen der fantastischen kuratorischen Arbeit dieses Hauses. Und Kapoor dort zu sehen, in diesem stillen, präzisen, architektonisch so eigenen Museum, macht absolut Sinn.

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